Halbe Liga kämpft gegen Abstieg

Was man über die Regionalliga wissen sollte: Nur drei neue Trainer / Alzenau kalkuliert Zwangsabstieg ein

Der Weg soll nach oben führen: Matthias Mink, der ehemalige Coach des TSV Steinbach, steht nun für den FC Homburg in der Verantwortung. Foto: Nick Fingerhut

3.09.2020
Bikegarage Haiger

WETZLAR. Vor einer echten Herkulesaufgabe stehen die Clubs der Fußball-Regionalliga Südwest. Der 1. FC Saarbrücken verließ die vierthöchste deutsche Spielklasse als Meister nach oben und ersetzt in Liga drei Absteiger SGS Sonnenhof Großaspach, dafür kamen gleich vier Oberliga-Aufsteiger (TSV Stadtallendorf, Hessen Kassel, Schott Mainz, VfB Stuttgart II) neu hinzu. Absteiger gab es aufgrund der Regelungen rund um den Covid-19-Erreger nicht. Das bedeutet 22 Teilnehmer, im Umkehrschluss also auch stramme 42 Spieltage, von denen sechs unter der Woche stattfinden werden. Das harte Programm soll zwischen Dienstag, 1. September, und Samstag, 12. Juni 2021, über die Bühne gehen. Vorausgesetzt, die Pandemie macht dem Sport nicht wieder einen Strich durch die Rechnung.

Mittelhessen

Drei Clubs, deren Plätze jeweils rund 50 beziehungsweise 75 Kilometer auseinanderliegen – das gab es in der Regionalliga Südwest noch nie. Was unter „normalen“ Bedingungen Derbys mit 2000 bis 3000 Zuschauern und damit gute Einnahmen garantieren würde, ist in Corona-Zeiten jedoch mit Vorsicht zu genießen. Wie viele Besucher zu den Partien des TSV Steinbach Haiger, des Fast-Absteigers FC Gießen und des Abermals-Aufsteigers TSV Stadtallendorf zugelassen werden, kann sich von Woche zu Woche ändern.

Top-Favoriten

Wer wie der TSV Steinbach Haiger vergangene Runde Zweiter war, der möchte sich nicht verschlechtern. Doch nicht nur die Männer von Trainer Adrian Alipour wollen die finanziell problematischste Liga, die der deutsche Profifußball zu bieten hat, nach oben verlassen. Der Südwesten hat noch weitere Aufstiegsanwärter. „Für mich ist klar, dass der Titel nur über den SSV Ulm gehen kann“, lautet die Einschätzung des ehemaligen Profis Hans-Jürgen Boysen, der unlängst im Landespokal als Coach von Drittliga-Absteiger SGS Sonnenhof Großaspach eine herbe 0:6-Klatsche gegen die „Spatzen“ zu quittieren hatte. Die Hoffnungen des Ex-Bundesligisten ruhen dabei auf Drittliga-Rekordtorjäger Anton Fink (32, 324 Spiele, 136 Tore), der vom Karlsruher SC an die Donau gewechselt ist. Viel vor hat auch der FC Homburg, bei dem der ehemalige Steinbacher Trainer Matthias Mink als Nachfolger des als Sportdirektor zum 1. FC Saarbrücken abgewanderten Jürgen Luginger künftig das Zepter schwingt. „Unser Ziel ist und bleibt die 3. Liga“, hat Clubchef Herbert Eder die Latte hochgelegt und seinem neuen Coach mit Philipp Hoffmann (183 Partien für Drittliga-Absteiger Preußen Münster) sowie dem kasachischen Innenverteidiger Ivan Sachanenko (SC Freiburg II) auch gleich zwei Top-Neuzugänge beschert. Auch die SV Elversberg, als die Saison abgebrochen wurde nur sechs Zähler hinter dem 1. FC Saarbrücken liegend, möchte nach oben. „Wir haben natürlich Ambitionen und wollen vorne angreifen“, muss sich Trainer Horst Steffen an „Bronze“ aus der Vorsaison messen lassen.

Die Ambitionierten

Seit sieben Jahren wartet Kickers Offenbach, der DFB-Pokalsieger des Jahres 1970, auf die Rückkehr in Liga drei, nun sollen der im Frühjahr vom Liga-Rivalen Bayern Alzenau verpflichtete Trainer Angelo Barletta sowie der vom Chemnitzer FC gekommene Geschäftsführer Thomas Sobotzik dieses Vorhaben in die Tat umsetzen. Mit der Hilfe von Torjäger Marcel Sobotta von den Sportfreunden Lotte sowie dem in Sierra Leone geborenen U 17-Europameister von 2009, Abu Bakarr Kargbo (Berliner AK), der sich allerdings das Kreuzband gerissen hat. Eine „Wundertüte“ ist dagegen Drittliga-Absteiger SGS Sonnenhof Großaspach. Coach Hans-Jürgen Boysen hat mit Kapitän Julian Leist und dem ebenfalls 32-jährigen Kai Gehring zwar sein Innenverteidiger-Duo behalten können, muss aber insgesamt 23 Abgänge verkraften.

Abstiegskandidaten

Sechs Teams beißen am Ende ins Gras, die halbe Liga kämpft also gegen den Abstieg. Neben den Aufsteigern TSV Stadtallendorf, KSV Hessen Kassel, Schott Mainz und VfB Stuttgart II natürlich jene Teams wie Rot-Weiß Koblenz, die TSG Balingen, der FK Pirmasens, der FC Gießen und der VfR Aalen, die nur durch den Corona-bedingten Abbruch in Liga vier bleiben durften. Doch auch Mannschaften, die sich eigentlich am sicheren Ufer sehen, bekommen Probleme. Bayern Alzenau büßte 17 Akteure ein, darunter Keeper Daniel Endres und Gambias Abwehrchef Alieu Sawaneh (beide FSV Frankfurt) sowie Routinier Baldo di Gregorio, der künftig am Bornheimer Hang die U 17 trainieren wird. Auch der Bahlinger SC wird es schwer haben.

Stars

Alle drei Bundesliga-Vertretungen haben es sich zu eigen gemacht, ihrem ambitionierten Nachwuchs Erfahrung zur Seite zu stellen. 131 Erst- und 108 Zweitliga-Partien hat Johannes Flum (FC St. Pauli) bestritten, nun kehrt er zum SC Freiburg II zurück. Der heute 32-Jährige wurde in der Jugend an der Dreisam ausgebildet und spielte dort als Profi viele Jahre. Zwischen 2008 und 2013 kam Flum auf 130 Profi-Einsätze für die Breisgauer. Für den VfB Stuttgart II läuft künftig Holger Badstuber auf. Der 31-fache Nationalspieler wurde von Trainer Pellegrino Matarazzo aus dem Bundesliga-Kader verbannt. Die Aufgabe beim schwäbischen Nachwuchs sieht der 31-Jährige, der eine Offerte von Inter Miami ausschlug, gelassen: „Ich nehme die neue Aufgabe an, damit wir gemeinsam für den Verein das Beste daraus machen“, ließ er U 23-Trainer Frank Fahrenhorst wissen.

Trainer

Nur drei von 22 Clubs gehen mit einem neuen Übungsleiter in die Spielzeit 2020/21. Beim FC Homburg hat der im März 2019 beim TSV Steinbach Haiger entlassene Matthias Mink das Amt von Jürgen Luginger (Sportdirektor des 1. FC Saarbrücken) übernommen. Ex-Profi Frank Fahrenhorst, acht Jahre Coach im Nachwuchs-Leistungszentrum des FC Schalke 04, leitet künftig statt Francisco Paco Vaz die Geschicke bei Neuling VfB Stuttgart II. Und Heiner Backhaus, zuvor bei der SGS Sonnenhof Großaspach gefeuert, steht nun beim letztjährigen Schlusslicht Rot-Weiß Koblenz in der Verantwortung. Der 38-Jährige, der als Spieler auf Malta, Zypern und in Hongkong aktiv war, ersetzt den glücklosen Akin Kilic.

Unwägbarkeiten

Der FC Bayern Alzenau gehört sportlich dem Fußballkreis Gelnhausen an, liegt aber geografisch und politisch in Bayern. Weshalb der Club aufgrund der aktuell geltenden bayerischen Corona-Verordnung keine Heimspiele austragen darf. Dies hat die FCB-Chefetage veranlasst, beim Geschäftsführer der Regionalliga Südwest, Sascha Döther, offiziell zu verkünden, dass der Verein vor dem Hintergrund dieser Sachlage seine Heimspiele schlichtweg nicht austragen werde und im schlimmsten Fall auch einen Zwangsabstieg in Kauf nehmen würde. Bayern-Vorstand Andreas Trageser gab sich unlängst kämpferisch. „Was hier mit uns veranstaltet wird, ist deutschlandweit einzigartig. Dies ist eine eklatante Ungleichbehandlung.“

Von Alexander Fischer