Heimat digital

Wenn es stimmt, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl, dann ist Digitalisierung beides: Verunsicherung und Vergewisserung. Nie war das Neue, das Andere, das Ferne, das Fremde näher.

Verbunden mit der Heimat und der digitalen Welt - gerade für Kinder kein Thema. Foto: colourbox.de

11.06.2020

Gleichzeitig hat es niemals zuvor mehr Möglichkeiten gegeben, in Verbindung zu treten und in Verbindung zu bleiben mit den Menschen und Erinnerungen, die Heimat ausmachen.

„Wenn du verzweifelt bist, ist das Smartphone dein einziger Freund.“ Das haben Menschen geschildert, die nach ihrer Flucht in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ankamen. Das letzte verbliebene Rettungsseil der auch emotional Gestrandeten: Ohne Ladekabel und Netz reißt es. Wer auf Empfang ist, muss sich hingegen nicht mehr alleine fühlen.

In Kontakt treten: nur noch eine Fingerübung. Das funktioniert mühelos, etwa über den Familienchat via WhatsApp. Heimat blitzt dann auf im Strom der Textnachrichten, Emojis und Fotos. Sie wird Stimme, Audiobotschaft und Videotelefonie.

Die großen digitalen Plattformen sind auch zu Zeitmaschinen geworden. Hier lassen sich einstige Schulfreunde und Weggefährten aufspüren, womöglich eine Jugendliebe wiederfinden. Manche entdecken verschollene Brüder oder Schwestern wieder oder tot geglaubte Familienangehörige.

Und nahezu jede Stadt und jedes Dorf hat auf Facebook eine Gruppe, die vor allem eines eint: Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen. Hier ist Heimat gemeinsam Erinnertes. Ob sie „Dillenburg – gestern, heute und morgen“, „Wir sind Wetzlar“ oder „Gießen – meine Stadt“ heißen, Historisches hat Konjunktur. Die stärksten Reaktionen im Feed lösen alte Stadtansichten aus. Es sind Früher-und-heute-Vergleiche prägnanter Straßenzüge oder Plätze, die am meisten angeklickt oder kommentiert werden. So etwa ein Video, das zeigt, wie Gießen, das im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört wurde, einst aussah.

In der Gruppe „Lauterbach in alten Ansichten“ stoßen Aufnahmen in grobkörnigem Schwarz-Weiß auf großes Interesse. Die hier zu besichtigenden Schätze alter Fotoalben werden nahezu liebevoll goutiert und kommentiert.

Das Gestern und Vorgestern ist auch in der Gruppe „Du bist Asslarer wenn, ....“ gefragt. Ganz aktuell werden in der Community Fotos vom Bahnhof Aßlar aus den 70er Jahren gesucht. Immer wieder zu sehen sind Aufnahmen aus den 1940er oder 1930er Jahren. Und mit zwinkerndem Auge ist diese Aufforderung formuliert, die nach ganz besonderen Erinnerungen fragt: „Nenne etwas aus deiner Kindheit in Aßlar, das einer, der jünger ist als du, nicht versteht.“ Geteilte Erinnerung: Auch im digitalen Raum ist sie Stifter von Gemeinschaft und Heimat.

Heimat funktioniert in den Sozialen Medien manchmal aber auch wie ein „Schwarzes Brett“. Auf „Spotted: Gladenbach“ etwa tauschen die Mitglieder Klatsch und Tratsch aus, aktuelle Nachrichten und Gerüchte. Es gibt Ratschläge, Gesuche und Angebote, die direkt verhandelt werden können. Und dann sind die kurzen Mitteilungen, die daran erinnern, was Nachbarschaft auch bedeuten kann. Etwa auf „Du bis Dillenburger, wenn…“. Dort ist beispielsweise diese Dreizeiler zu finden: „Hab eben bei der Bäckerei Mampe in Niederscheld am Zigaretten-Automaten 5 Euro gefunden. Kann in der Bäckerei abgeholt werden.“

An der „Heimat 4.0“ wird ebenfalls schon gearbeitet - auch in Mittelhessen. Möglichst alle Ortschaften sollen im Netz eine Adresse und eine Plattform bekommen, um etwas wichtiges wiederzubeleben: „die emotionale Bindung der Bürger an die reale Gemeinde und damit die Identifikation mit der Gemeinschaft vor Ort“. So formulieren es die Vordenker und Coaches der Digital-Offensive für das Ländliche. Darüber hinaus zielen diese Projekte „auf die Stärkung des sozialen Zusammenhalts unter den Bürgern“. Kurz: Die Gemeinde „soll auch in einer digitalen Welt Heimat bleiben“.

In Landkreis Gießen sollen Pilot-Orte das Modell „Dorf 4.0“ formen. Biebertal-Königsberg, Buseck-Oppenrod, Grünberg-Harbach, Langgöns-Dornholzhausen und Staufenberg-Treis gehen voran bei diesem Projekt, das vom Kreis-Demografiebeauftragten Dr. Julien Neubert federführend begleitet wird. Er betont: „Die Digitalen Dörfer sind kein aufgestülptes Konstrukt. Die Inhalte werden mit und für die Dorfgemeinschaften erarbeitet.“

Die ins Auge gefasste Dorf-App könne wie eine Art digitaler Dorf-Funk funktionieren. Denkbar sei zum Beispiel, dass sich Pendler zu Mitfahrgelegenheiten vernetzen, dass Nahversorger oder Direktvermarkter einen Online-Marktplatz samt Mitbringdienst anbieten, dass die Kreisvolkshochschule passende Bildungsangebote einbringt oder dass lokale Nachrichten und Dienstleistungen verfügbar sind – das alles stets auf den Ort zugeschnitten. Zugleich soll durch intelligente Mitfahrbörsen oder Angebote zur Energieberatung ein Beitrag für den Klimaschutz geleistet werden. Heimat in smarter Form.

Heimat funktioniert im Digitalen aber auch in Echtzeit – und das Aktuelle hat auch hier immer Konjunktur. Dafür stehen die Angebote von mittelhessen.de und die Nachrichtentitel der Zeitungsgruppe Zentralhessen. Bis zu eine Million Nutzer pro Monat informieren sich auf den entsprechenden Nachrichtenportalen und den Angeboten dieser Nachrichtenmarken auf Facebook, Instagram, Youtube oder Twitter.

Und auch die Ehemaligen lesen intensiv mit. „Ich folge euch, da ich 70 Kilometer von Gießen weg wohne und von meiner Heimat viel erfahren und lesen möchte“, hat es eine Leserin formuliert und damit für viele gesprochen, die aus der Ferne stets mitlesen, Anteil nehmen, kommentieren. Die tägliche Dosis Heimat, es gibt sie auf Bildschirmen im Taschenformat. Let´s get connected! Von Frank Kaminski