Heimat hat Wurzeln

    

Foto: Uta Haase

11.06.2020

Zeiten – Orte–Menschen in Mittelhessen – viele Schichten der Kulturgeschichte unserer Region sind heute noch lebendig
      

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Straßennamen deuten darauf hin. Auch Schulen haben ihre teils geschichtsträchtigen Namen und möchten an wichtige Menschen, die uns auch heute noch etwas zu sagen haben (sollten), erinnern. Denkmäler und alte Architektur tun es auch: Sie prägen die Heimat und geben einer Region ihren unverwechselbaren Charakter. Gerade Mittelhessen spiegelt an vielen Orten die Geschichte einer Gesellschaft wider, die sich über Jahrtausende entwickelt hat. Schicht um Schicht sind die Entwicklungen abzulesen, die Menschen hinterlassen haben. Denn die prägten und prägen das Leben im Herzen des Landes. Wer genau hinschaut, entdeckt die Welten der Römer. Er trifft auf deutsche Könige und Fürsten. Er taucht ab in die Welt des Mittelalters mit kirchlicher und weltlicher Kultur. Er spürt die weltverändernden Auswirkungen der Reformation wie auch den Aufstieg deutscher Universitäten vor den eigenen Haustüren. Er spürt, wie Technik und Forschung das Leben und Arbeiten veränderten. Politische Systeme wechselten: feudale Herrschaft, Königtum, der Aufstieg der Parteien und der Demokratie, der Rückfall in den Totalitarismus wie auch der Aufstieg der jungen Bundesrepublik – all das lässt sich in Mittelhessen studieren. Kriegs- und Friedensjahre, Hungerjahre und Jahres des Überflusses, Jahre der Unterdrückung, Jahres der Freiheit – alles steht in der Rückschau nebeneinander. Eine Zeitreise.
       

1 Römischer Pferdekopf Foto: Förderverein Römisches Forum Waldgirmes
1 Römischer Pferdekopf Foto: Förderverein Römisches Forum Waldgirmes

1 - Die spinnen, die Römer? Nur Geschichten für Asterix und Obelix? Ihre Welt wurde 2009 in Waldgirmes an die Oberfläche befördert, als der Kopf des Reiterstandbildes, das auf dem Forum der einstigen römischen Siedlung stand, auf einem Feld in Lahnau geborgen wurde. Mit Rom kam Kaiserkult, kam militärische Organisation, kam Imperium, das die Kornkammern der Wetterau brauchte. Und es kam nach einer Phase der Expansion die Phase der Abgrenzung des Großreiches mit dem Limes. Versuche der römischen Kaiser, die Chatten zu unterwerfen, scheiterten und der Rhein wurde Grenze des römischen Reiches. Nach dem Chattenkrieg 83 bis 86 n. Chr. ließ Kaiser Domitian den Limes in Obergermanien als Grenzlinie anlegen.  (Foto: Pferdekopf und Limes)
       

2 Luthenius-Kirche Dietkirchen Foto: Arne Dedert dp
2 Luthenius-Kirche Dietkirchen Foto: Arne Dedert dp

2 - Die Zukunft gehörte des Franken, die im vierten Jahrhundert von Westen her kamen. Mit ihnen kam auch das Christentum nach Mittelhessen, wo bereits seit dem 7. Jahrhundert iro-schottische Mönche missionierten. Die Lubentius-Kirche in Limburg-Dietkirchen war einer der ersten Mittelpunkte rechts vom Rhein nach der römischen Kirchenreformation durch Bonifatius. Die Franken verwendeten für die Gegend südöstlich des Rothaargebirges, östlich des Westerwaldes und nördlich des Taunus den Namen Lahngau, eine Fläche, die mit dem heutigen Mittelhessen fast deckungsgleich ist. Mit ihnen entwickelte sich der Handel zwischen den großen Zentren Frankfurt und Köln, Antwerpen und Mainz. Man traf sich in Wetzlar oder in Marburg. (Foto: Lubentius-Kirche).
       

3 König Konrad I Foto: Heinz Mengel
3 König Konrad I Foto: Heinz Mengel

3 - Konrad, der erste deutsche König. Auch die Ostfranken verstanden sich auf Herrschaft. Konrad, der Weilburger, wurde erster deutscher König. Von 911 bis 918 besorgte er Verwaltung, Rechtsprechung und Heeresbildung in dem nicht unproblematischen politischen System, in dem sich Könige immer mit Fürsten und Grafen arrangieren mussten und eine wesentliche Frage war: Wer hat denn nun die Macht? Die war in den Städten angesiedelt und hatte ihre Basis allerdings in den ertragreichen Agrarregionen der Heimat. (Bild: Konrad)
   

4 Die heilige Elisabeth, Skulptur von Ludwig Juppe, 1510 Foto: Erhart Dettmering
4 Die heilige Elisabeth, Skulptur von Ludwig Juppe, 1510 Foto: Erhart Dettmering

4 - Eine Frau schreibt Geschichte: Elisabeth. 24 Jahre ist sie nur alt geworden. Aber ihre Entschlossenheit war beeindruckend und ihre Mildtätigkeit brachte ihr den Status „Heilige“ ein. Elisabeth von Thüringen (1207–1231) trotzte dem härtesten Inquisator seiner Zeit, Konrad von Marburg, von dem Elisabeth regelmäßig Prügel bezog. Ihren Lebensunterhalt verdiente Elisabeth mit dem Spinnen von Wolle für das Kloster Altenberg. In dem Spital, das mit einem Teil von Elisabeths Witwenerbe errichtet worden war, verrichtete sie die niedrigsten Mägdedienste. Sie widmete sich besonders der Pflege von Leprakranken, die nach den Begriffen der damaligen Zeit zu den Elendigsten der Elenden zählten und ausgegrenzt am Rand der Gesellschaft lebten.
      

5 Landgraf Philipp von Hessen Foto: Archiv der Sparkassen-Kulturstiftung HessenGraf Custine gibt sich ganz bürgerlich. Foto: Stadtarchiv Darmstadt
5 Landgraf Philipp von Hessen Foto: Archiv der Sparkassen-Kulturstiftung HessenGraf Custine gibt sich ganz bürgerlich. Foto: Stadtarchiv Darmstadt

5 - Ein Großmütiger Grenzgänger: Wieder einmal schreibt Marburg Geschichte. Philipp I. (1504 bis 1567) wurde als Landgraf der Landgrafschaft Hessen einer der bedeutendsten Landesfürsten und politischen Führer im Zeitalter von Reformation und Renaissance im Heiligen Römischen Reich. Am 1. Juli 1527 gründete Philipp die heute nach ihm benannte Philipps-Universität Marburg. Allerdings hat er seinen eigenen Sinn und seine Leidenschaften: Noch zu Lebzeiten Christines schloss Philipp 1540 neben seiner Ehe mit Christine von Sachsen eine zweite mit dem sächsischen Hoffräulein Margarethe von der Saale (1522–1566). Und, hört, hört: Die Reformatoren Martin Luther, Philipp Melanchthon und Martin Bucer billigten sein Vorgehen nach einigem Zögern. Diese Doppelehe führte zu einer schweren Krise der Reformation und brachte Philipp politisch weitreichende Schwierigkeiten ein.
      

6 Johann Wolfgang von Goethe Foto: Stiftung Weimarer Klassik
6 Johann Wolfgang von Goethe Foto: Stiftung Weimarer Klassik

6 - Ein Praktikant mit großen Emotionen: Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) machte Zwischenstopp in Wetzlar, wo sein „Werther“ entstand. Zwischen den beiden Niederschriften des „Götz von Berlichingen“ hatte sich Goethe im Mai 1772 auf Drängen des Vaters als Praktikant beim Reichskammergericht in Wetzlar, dem höchsten deutschen Gericht in der freien Reichsstadt, eingeschrieben. Sein dortiger Kollege Johann Christian Kestner beschrieb später den damaligen Goethe: „Er besitzt, was man Genie nennt, und eine ganz außerordentliche Einbildungskraft. Er ist in seinen Affekten heftig.“ Die Liebesgeschichten machten Goethe und Wetzlar berühmt – aber taugen auch heute noch für ganz viel Romantik.
 

7 Reichsfreiherr vom und zum Stein Foto: NRW-Stiftung Naturschutz, Heimatund Kulturpflege
7 Reichsfreiherr vom und zum Stein Foto: NRW-Stiftung Naturschutz, Heimatund Kulturpflege

7 - Ein Denker für ein neues Deutschland: Freiherr vom Stein. Deutschland nach den Napoleonischen Kriegen: Verwüstet, richtungslos, Spielball der Mächte des Wiener Kongresses. Im Hintergrund wirkt ein Mann, der mit seinen Ideen das Land noch heute prägt: Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757 bis 1831). Föderalismus und Gewaltenteilung sind für ihn die Elemente der neuen Staatsorganisation. Kommunen und Städte sollten direkt handeln können, darüber die Länder und dann erst ein loser Bund. Das denkt ein Mann, der in Nassau an der Lahn seine Jugend verbracht hat. Zusammen mit Karl August von Hardenberg und die Humboldt-Brüdern Wilhelm und Alexander gehört er zu den Wegbereitern einer neuen Zeit.
      

8 Wilhelm Ernst Hess Foto: Archiv
8 Wilhelm Ernst Hess Foto: Archiv

8 - Ein stahlharter Entrepreneur: Wilhelm Ernst Haas (1784-1864). Mittelhessen ist Industrieregion wie keine andere. Und das seit Generationen. Einer, der die Räder in Schwung brachte, war Wilhelm Ernst Haas. Nach der Ausbildung im väterlichen Geschäft eröffnete er 1813 einen eigenen Weinhandel und eine Tabakwarenfabrikation. Haas brachte das ein beträchtliches Vermögen ein, das er zunehmend in die sich rasch entwickelnde Eisenindustrie im Lahn-Dill-Gebiet investierte. Er kaufte Anteile an verschiedenen Eisensteingruben. 1854 erwarb er zusammen mit seinem Sohn Wilhelm Ernst in Sinn die Neuhoffnungshütte. Haas entwickelte ein Verfahren, um das im Holzkohlehochofen aus eigenem Eisenstein erschmolzene Eisen ohne ein sonst notwendiges zweites Schmelzen zu Ofen- und Herdplatten zu vergießen. Die brauchen alle, und deshalb wird man damit reich.
     

9 Heinrich von Gagern Foto: Picasa
9 Heinrich von Gagern Foto: Picasa

9 - Das Bürgertum bricht sich Bahn: Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern (1799 bis 1880). Der Liberale war ganz Kind seiner Zeit: Teilnehmer an den Befreiungskriegen und der Burschenschaft im Großherzogtum Hessen (Hessen-Darmstadt), Verwaltungsbeamter dann oppositioneller Abgeordneter im Landtag. In der Revolution von 1848 diente er zweieinhalb Monate als hessischer Ministerpräsident und wurde am 19. Mai 1848 Präsident der Frankfurter Nationalversammlung. Der Mann mit Weilburger Wurzeln setzte sich für eine Zentralgewalt ein und verhandelte mit den deutschen Staaten. Als es aussichtsloser wurde, Österreich in das zu bildende Deutsche Reich zu integrieren, übernahm er das Amt des Reichsministerpräsidenten (Dezember 1848 bis Mai 1849). In dieser Funktion führte er die parlamentarischen Verhandlungen zu Ende, die zur Frankfurter Reichsverfassung vom 28. März 1849 führten. Es gelang aber nicht, die Verfassung und damit die deutsche Einheit und Freiheit zur Wirksamkeit zu bringen.
      

10 Justus von Liebig Foto: Amt für Denkmalpflege
10 Justus von Liebig Foto: Amt für Denkmalpflege

10 - Wissenschaft, die hilft: In die Geschichte eingegangen ist Justus von Liebig (1803 bis 1873) als einer der bekanntesten und erfolgreichsten Chemiker seines Jahrhunderts sowie als Begründer der Agrochemie. Darüber hinaus waren seine experimentellen und theoretischen Erkenntnisse richtungsweisend für die gesamte Entwicklung der organischen Chemie. Liebig war ein deutscher Chemiker und Universitätsprofessor in Gießen und München und erkannte, dass Pflanzen wichtige anorganische Nährstoffe in Form von Salzen aufnehmen. Damit begründete seine Forschung die moderne Mineraldüngung und den Beginn der Agrochemie. Er entwickelte ein Herstellungsverfahren für Rindfleisch-Extrakte sowie moderne Analyseverfahren. Zeitgleich mit zwei anderen Forschern entdeckte er das Narkosemittel Chloroform.
     

11 August Bebel Foto: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-14077-0005
11 August Bebel Foto: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-14077-0005

11 - Brüder, zur Sonne zur Freiheit: August Bebel. Wetzlar hat ihm ein Denkmal errichtet. Mit ihm und der Sozialdemokratie in Deutschland bricht eine neue Zeit heran. Arbeiter entdecken eine politische Identität und definieren ihre Interessen. Mit dabei August Bebel, Sohn des Ehepaares Johann und Wilhelmine Bebel. Wilhelmine Bebel stammte aus Wetzlar. Und nach dem frühen Tod des Vaters von August Bebel (1844) und dem Ableben des Stiefvaters (1846) sowie seines jüngeren Bruders Carl-Friedrich (1846) zog die Mutter Bebel mit ihren Söhnen August und Carl-Julius zurück nach Wetzlar. Als die Mutter verstarb, stand August Bebel erst im 14. Lebensjahr. Der junge Bebel absolvierte in der Domstadt seine Drechslerlehre und von hier aus ging er Anfang des Jahres 1858 auf seine Gesellenwanderschaft, die ihn im Jahr 1860 nochmals kurz nach Wetzlar – er fand in Butzbach Arbeit–zurückführte. Noch im selben Jahr zog es August Bebel nach Leipzig. Hier engagierte er sich im Gewerblichen Bildungsverein, hier begann sein öffentliches Leben und sein politischer Aufstieg. In der Folge wurde er zu einem der Gründerväter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Bis zu seinem Tode stand er der größten Arbeiterpartei der Welt vor, die allein zwischen 1906 und 1914 von knapp 400 000 auf 1,1 Millionen Mitglieder angewachsen war.
      

12 Emil von Behring Foto: Philipps-Universität Marburg
12 Emil von Behring Foto: Philipps-Universität Marburg

12 - Der Retter der Kinder: Emil von Behring (1854 bis 1917). Emil Behring wird als fünfter Sohn des Dorfschullehrers August Behring in Hansdorf (Westpreußen) geboren und ein Studium der Medizin an der Berliner Universität wird nur möglich, da er eine neunjährige militärische Dienstverpflichtung eingeht. Der junge Mediziner beschäftigt sich mit Infektionskrankheiten und wendet sich der Bakteriologie zu. Behring ist der Ansicht, dass Infektionskrankheiten nicht mit körperfremden Chemikalien zu bekämpfen seien, sondern mit körpereigenen Gegengiften. Unter der Mitwirkung Behrings werden erste wirksame Heilseren gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf entwickelt. Die ersten erfolgreichen Impfversuche am Menschen werden durch die von Paul Ehrlich entwickelten Anreicherungs-, Mess- und Prüfverfahren des Serums möglich. Vor der Entwicklung des Impfstoffs war Diphtherie die Kinderkrankheit mit der höchsten Sterblichkeit. Trotz fehlender Habilitation wird Behring zum Titularprofessor und im folgenden Jahr zum außerordentlichen Professor für Hygiene und Leiter des Hygienischen Instituts in Halle/Saale berufen.1895 wird er wird unter Verabschiedung aus dem Sanitätsdienst zum ordentlichen Professor und Direktor des Hygienischen Instituts in Marburg ernannt. Für die Entdeckung der Antikörper und die dadurch mögliche Herstellung von Impfstoffen erhält Behring den ersten Nobelpreis für Medizin. VON UWE ROENDIGS