Liebeserklärung an das Land

    

Eine Kindheit auf dem Land - was kann es Schöneres geben? Foto: André Bethke

11.06.2020

Viele Menschen zieht es in die Stadt. Nicht so André Bethke. Der Redakteur bleibt da, wo er hingehört: in seinem Drommershausen. Warum er das Landleben liebt, verrät er gern. 
    

Ich hatte keine Wahl. Ich bin auf dem Land geboren. In einem Dorf, das diese Bezeichnung verdient hat. Mich wundert es, wenn mir Menschen erzählen, dass sie auf dem Dorf leben und dann berichten, dass dieses Dorf 2500 Einwohner hat. Nein! In einem richtigen Dorf, einem „Kuhkaff“ also, leben nur ein paar hundert Leute. So wie in Drommershausen, meiner Heimat.

Für mich stand schon früh fest, dass ich mein Dorf nicht verlassen werde, zumindest nicht freiwillig. Dass es bislang so kam, hat mit Glück zu tun. Mit einer wohnortnahen Arbeitsstelle vor allem, natürlich auch mit der Partnerin.

Ich denke, es waren die in meiner Erinnerung unbeschwerten Kindertage, in denen sich meine Liebe zum Dorfleben entwickelt hat. Weil wir in den Ferien den lieben langen Tag auf dem Spielplatz gebolzt haben, weil wir Baumhäuschen gebaut und am Bach die Frösche gejagt haben, weil wir uns mit Pferdeäpfeln beworfen und die Zigarre gepafft haben, die von der Hutablage im VW-Käfer meines Opas geklaut war.

Ich mag dieses „wir“: Die besten Freunde aus Kindergartentagen der 1970er Jahre sind heute noch meine besten Freunde. Weil wir trotz unterschiedlicher Lebensläufe und Berufswege gleich ticken, weil uns das Leben auf dem Land geprägt hat. Und – das ist das Beste – weil wir meist nur ein paar Straßen oder Häuser voneinander entfernt leben. Manche wollten nicht weg, andere kamen wieder.

Seit den Tagen im Kindergarten hat sich verdammt viel verändert in unserem Dorf. Nach dem Aus von Bäcker, Metzger und Krämer blieb nur ein Zigarettenautomat. Selbst Kaugummis gibt es nicht mehr. Aber wo ist das Problem? Auch ein Städter fährt mit dem Auto zum Einkaufen. Doch wenn es dringend ist, dann geht der Dörfler einfach in die Nachbarschaft und borgt sich, was er braucht.

Ja, die Nachbarn – die sind auch ein guter Grund, nie wegzugehen. Freilich, auch bei uns im Ort gibt es Familien, die Haus an Haus wohnen und nur das Nötigste miteinander reden. Es gibt Neid und Missgunst, Argwohn und Vorurteil – der Dörfler ist auch nur ein Mensch. Doch er wird auch misstrauisch, wenn die Rollläden nebenan mal länger unten sind als gewöhnlich. Bei uns liegt niemand hilflos tagelang in seiner Wohnung, ohne dass es jemand mitbekommt.

Der Nachbar ist auch dafür da, das Postpaket anzunehmen, wenn du nicht zu Hause bist, deine Mülltonne auf die Straße zu stellen, wenn du es vergessen hast. Wenn du im Urlaub bist, gießt er deine Blumen und passt auf Hund, Katze, Maus auf. Zumindest wenn er ein richtig guter Nachbar ist. Vor allem aber hat er ein Auge auf die Kinder. Ich weiß nicht, ob sich ein Städter vorstellen kann, wie Kinderauf dem Dorf aufwachsen. Gespielt wird auf der Straße, im Garten, auf der Obstwiese, im Wald. Auch ohne elterliche Aufsicht. Die übernehmen die Großen unter den Kleinen. Das „wir“ wird zu „Gemeinschaft“. Sie ist nicht in jedem Dorf gleich groß, aber überall vorhanden. Sie will gepflegt werden durch zwei andere „G-Wörter“: Geselligkeit und Gemütlichkeit.

Diese beiden Begriffe hatten in den alten Tagen ohne Fernsehen und Internet natürlich noch eine größere Bedeutung, aber sie werden im Dorf auch dann noch mit Leben gefüllt, wenn die letzte Kneipe längst geschlossen hat. Die Brauchtumspflege spielt da eine wichtige Rolle. Hier ist es die Kirchweih, dort die Kerb, woanders die Kirmes. Von außen betrachtet, mag ein solches Fest, auf dem der Bierverbrauch so hoch ist wie an keinem anderen Wochenende im Jahr, befremdlich wirken, weil es laut zugeht, manchmal auch ungehobelt. Doch wer sich die Mühe macht, und sich das ganze Spektakel durch Bierdunst und Zigarettenqualm hindurch näher anschaut, wird erkennen, wie viel mehr dahinter steckt. Das Dorf feiert sich, es feiert das Wörtchen „wir“ und das Wort „Gemeinschaft“. Gefeiert wird gerne in der freien Natur. Wir brauchen keine großen Hallen. Natur haben wir dafür reichlich.

Es soll ja Leute geben, die deshalb auf dem Dorf Urlaub machen und sich auch davon nicht abschrecken lassen, dass der Baum an manchen Stellen dem Windrad gewichen ist. Denn auch auf dem Land ändern sich die Zeiten. Aber nicht ganz so schnell, wie es in der Stadt scheint. Und auch das ist ein guter Grund dort zu bleiben, wo ich hingehöre. Im Dorf, in meinem Dorf. VON ANDRÉ BETHKE