Tradition schwappt in die Neuzeit

Tradition – ein Wort, dem der Staub vergangener Tage anhaftet. Für langjährig existierende Unternehmen ist sie Erbe und Aufgabe zugleich. Aber auch ein hilfreicher Wegweiser Richtung Zukunft.

Damals...

11.06.2020

Auf 90 Jahre Firmengeschichte blickt Sommerlad in diesem Jahr zurück. Den Juwelier Palm gibt es seit 1835, das Schuhhaus Darré seit 87 Jahren, das Sport- und Modehaus Kaps seit 1977. Die Traditionsunternehmen aus Gießen und Wetzlar halten die in ihren Familien seit Generationen existierenden Werte hoch und suchen Wege, um sie in einer für den Einzelhandel neuen Zeit umzusetzen. Das hat ein bisschen was von Neuerfindung und klingt im Gespräch andererseits kraftvoll bodenständig.

Frank Sommerlad hat von seinem Vater und seinem Opa gelernt: „Man muss den Menschen Verantwortung geben und ihnen vertrauen.“ Er selbst durfte in jungen Jahren mit dem Eintritt ins Unternehmen erfahren, was das konkret bedeutet. Sein Vater stützte die Idee des Sohnes, einen Discount-Markt aufzubauen, der Billigmöbel anbietet.
     

...und heute: Sommerlad präsentierte seine Möbel 1950 in der Gießener Innenstadt. Heute befindet sich der Hauptsitz der Gruppe im Schiffenberger Tal. Fotos: Sommerlad
...und heute: Sommerlad präsentierte seine Möbel 1950 in der Gießener Innenstadt. Heute befindet sich der Hauptsitz der Gruppe im Schiffenberger Tal. Fotos: Sommerlad

„Ich wollte, dass wir Möbel für alle anbieten und investierte eine Million Mark. Das war nach dem Wirtschaftsstudium“, erzählt Frank Sommerlad, heute Geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Es war ein nicht abschätzbares Risiko, das letztlich mit SOMIT Erfolgsgeschichte schrieb. Die geschenkte Möglichkeit, sich zu verwirklichen und das entgegengebrachte Vertrauen beflügelten den damals jungen Mann und sorgten dafür, dass er sich noch mehr mit dem Unternehmen identifizierte. Eine Erfahrung, die prägte.

Derzeit versucht Frank Sommerlad dieses Prinzip mit einer breit angelegten Aktion unter seinen rund 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umzusetzen. Indem er nach Interessen und Vorstellungen des Einzelnen für sich persönlich und das Unternehmen fragt und daran arbeitet, diese umzusetzen.
 

Familientradition in sechster Generation – inzwischen gehört auch das Glockenspiel am Palm-Haus in der Wetzlarer Altstadt dazu. Foto: Christian Keller
Familientradition in sechster Generation – inzwischen gehört auch das Glockenspiel am Palm-Haus in der Wetzlarer Altstadt dazu. Foto: Christian Keller

Überdies hinaus engagiert sich Sommerlad heute wie damals in sozialen Projekten innerhalb der Region. Mit der gleichen Zielsetzzung: Menschen zu fördern – auch die, die benachteiligt sind. Das Unternehmen ist Mit-Initiator der Tour der Hoffnung für leukämiekranke Kinder und des Projekts Schulpatenschaft, das Hauptschüler bis zum Einstieg ins Berufsleben individuell betreut.

Die Mitarbeiter wünschen sich, dass Sommerlad ein Familienunternehmen mit diesen familiären Werten bleibt. Die Chancen darauf stehen gut. Denn Junior Jan Sommerlad bekundet daran bereits sein Interesse.

Den Status halten

In der sechsten Generation führt Jörg Palm das Juweliergeschäft seiner Familie, das sich einer exklusiven Qualität verpflichtet hat. Bei Palm in der Wetzlarer Altstadt gibt es sehr teure Uhren, die im Umkreis bis Köln und Frankfurt nicht zu haben sind. „Wir sind bemüht, diese Exklusivität zu halten“, erklärt Jörg Palm. Das ist nicht unbedingt einfach. Lieferanten müssen teilweise überzeugt werden, in Wetzlar zu bleiben. Kunden indes müssen mehr als früher in die Altstadt gelockt werden. Das alteingesessene Unternehmen ist sehr bemüht, sie persönlich zu kennen und auf ihre Wünsche einzugehen. Neben der hochwertigen mechanischen Uhr findet sich deshalb heutzutage auch die Plastik-Uhr im Vollsortiment.
 

Das Schuhhaus Darré in Gießen verlässt sich auf hochmotivierte Mitarbeiter, um neue Akzente im Einzelhandel zu setzen. Foto: Darré
Das Schuhhaus Darré in Gießen verlässt sich auf hochmotivierte Mitarbeiter, um neue Akzente im Einzelhandel zu setzen. Foto: Darré

Zudem unterhält Palm eine zertifizierte Uhrmacherwerkstatt, die Reparaturen vor Ort erledigen kann. Zum Exklusiv-Angebot gehört eben auch der Service.

Den Kunden fachkundig in Bezug auf seine Bedürfnisse beraten zu können, ist seit jeher das Ziel von Kaps in Oberbiel und Wetzlar. Kaps ist Sport-Spezialist. Die Qualität der Ware und der Service für den Kunden waren und sind die wertebasierten Säulen des Unternehmens. „Wir setzen bewusst nicht auf den Onlinehandel sondern auf die erstklassige Beratung vor Ort“, erklärt Inhaberin Anke Kaps. Und natürlich den Service. Ein Beispiel ist das Schäumen von Skischuhen, das dem Kunden ein individuelles Produkt für seinen Skisport zur Verfügung stellt.

Weil Sport in der Vergangenheit auch ein Lifestyle-Thema geworden ist, bietet Kaps zudem ausgesuchte sportive Mode an. Der 1977 gegründete Sportladen ist heute Sport- und Modehaus, nicht zuletzt, weil dies den Bedürfnissen der Kunden entspricht. Um diesen Weg gehen zu können, setzt Kaps auf ein gutes Miteinander im Mitarbeiter-Team.

Von einer besonderen Mitarbeiterschaft, die Bestleistungen erzielen möchte und die mit Herzblut bei der Sache ist, berichtet Heinz-Jörg Ebert vom Schuhhaus Darré. Damit ist es dem Traditionsunternehmen möglich, mutige Schritte Richtung Zukunft zu gehen – so, wie es bei Darré schon immer üblich war. Mit Einrichtung der 150 Sitzplätze fassenden Darré-Bühne am Elefantenklo, auf der schon viele Künstler auftraten, setzte Darré neue Akzente im Einzelhandel. Menschen auf besondere Art zusammenbringen, das ist es, was Heinz-Jörg Ebert und seinen Mitarbeitern heute wichtig ist. Von Tina Fischbach-Nispel