Was wird aus unseren Städten?

Der Onlinehandel hat sich in den letzten 15 Jahren verzwanzigfacht. Das Kaufverhalten der Bevölkerung ändert sich. Der regionale Einzelhandel ringt um seine Existenz.

Begrünt, sauber, am Abend beleuchtet so zeigt sich der Seltersweg in Gießen. Verantwortlich zeichnet der BID, der sich seit Jahren bemüht, die Kaufkraft auf dem „Boulevard der Marken“ zu halten. Foto: Tina Fischbach

11.06.2020

Was wird aus unseren Städten? So mancher hat sich diese Frage im sorgenvollen Blick auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Kaufverhaltens schon gestellt. Wie viele Geschäfte wird es in zwanzig Jahren in unseren Groß- und Mittelzentren noch geben? – Hoffentlich noch viele. „Das ist eine krasse Entwicklung und eine Zeit mit großen Herausforderungen für die Einzelhandelsbranche“, sagt Markus Pfeffer, Geschäftsführer des BID Seltersweg in Gießen, einer wirtschaftlichen Interessengemeinschaft. Hier, wie auch in Wetzlar, wird verschärft über den Umgang mit der Thematik nachgedacht. Und das nicht erst seit gestern.

„Wir müssen uns schon seit 20 Jahren mit dem Erhalt der Urbanität unserer Stadt beschäftigen. Jetzt, wo das Kaufverhalten solchen Veränderungen unterliegt, sind wir glücklicherweise im Thema drin“, sagt Rainer Dietrich, Geschäftsführer des Stadt-Marketing Wetzlar und Wirtschaftsförderer der Stadt. Rund 300 Geschäftstreibende haben sich in Wetzlar zu einem Verein zusammengeschlossen, um gemeinsam die Attraktivität der Stadt zu steigern und den gesellschaftlichen Trends zu begegnen.
     

Stadtmarketing Wetzlar

Die Mieten seien hier marktgerecht und nicht so hoch wie in Gießen. Dennoch sei es schwierig, die Erdgeschosse der Häuser in der Altstadt mit Läden und Waren zu befüllen. Denn im Non-Food-Bereich werden 20 Prozent vom Online-Handel abgedeckt.

Doch Rainer Dietrich und der mitgliederstarke Verein lassen die Köpfe nicht hängen. Im Gegenteil. In den vergangenen Jahren haben sie dafür gesorgt, dass Wetzlar dem Kunden ein Einkaufserlebnis bietet. Die Stadt verfügt heute über zahlreiche Gastronomiebetriebe, die Besuchern angenehme Pausen während des Einkaufsbummels ermöglichen. Zahlreiche Veranstaltungen locken in die Einkaufszonen. Im Advent sorgt das Stadt-Marketing für ein besonderes Weihnachtsflair auf dem Domplatz, das die Frequentierung der Altstadt erhöht.
 

Rainer Dietrich apelliert als Geschäftsführer des Stadt-Marketing Wetzlar an die gesellschaftliche Verantwortung für den lokalen Einzelhandel. Foto: Tina Fischbach
Rainer Dietrich apelliert als Geschäftsführer des Stadt-Marketing Wetzlar an die gesellschaftliche Verantwortung für den lokalen Einzelhandel. Foto: Tina Fischbach

Für Existenzgründer gibt es unterstützende Programme und einen Mietkostenzuschuss in den ersten drei Jahren. „Etliche junge Leute haben sich in den vergangenen zwei Jahren mit einer Geschäftsidee neu angesiedelt“, freut sich Dietrich. Das verändert die Stimmung enorm. „Es passiert ganz viel – entgegen dem Trend“, sagt der Geschäftsführer des Stadt-Marketings.

Das Drumherum gestalten

Hauptaufgabe der nächsten Jahre wird sein, Nischen im Angebot zu suchen und zu finden. Und das Drumherum ums Einkaufserlebnis attraktiv zu gestalten. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Tourismus, den es zu fördern gilt. Vonnöten sei aber auch ein Apell an die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen, so Dietrich. Mit pfiffigen Werbe-Plakaten gehen die Wetzlarer da gezielt voran.

Auf einen besonderen Konstrukt haben sich die Hauseigentümer im Gießener Seltersweg eingelassen. Sie schlossen sich 2006 zusammen zu einem sogenannten BID – Business Improvement District. Die Idee dazu kommt aus Kanada. Das Land Hessen bot als erstes Bundesflächenland die rechtliche Voraussetzung für die Schaffung eines solchen begrenzten Innovationsbereichs. Die Gießener waren die Ersten, die das nutzten.

Ziel des BID ist es, die Attraktivität des Bereichs zu steigern um die die Kaufkraft zu binden. „Wir haben zum Glück sehr kooperative Hauseigentümer im Seltersweg“, erklärt Markus Pfeffer. Diese haben die Negativentwicklung frühzeitig erkannt und waren bereit, Geld zur Verfügung zu stellen und in die Gestaltung ihrer Hausfassaden zu investieren.

Das Erscheinungsbild des Selterswegs hat sich dadurch sehr positiv verändert. Grünpflanzen und Außengastronomie sorgen für ein besonderes Flair. Ordnung und Sauberkeit bereiten eine angenehme Atmosphäre. Die aufwändige Illumination an Hausfassaden und im Flanierbereich bietet Wohlfühlambiente auch in den Abendstunden. Der beleuchtete Wasserfall machte das Elefantenklo zum beliebten Blickfang.

Die Frequenz an Besuchern ist seitdem gestiegen. Seine Messung will der BID ausbauen. Markus Pfeffer weiß: Nur mit detaillierten Zahlen lassen sich Objekte gut vermieten. Und zu vermieten, um weiterhin Leerstände zu vermeiden, muss Ziel sein. Momentan stehen die Räumlichkeien von Peek und Cloppenburg und Sting leer. Die Häuser gehören zu Immobilienfonds und liegen nicht in den Händen von Privateigentümern. Da wird es schwierig – auch für den BID.

Darüber hinaus kommt es auf gute Ideen für die Zukunft an, erzählt Pfeffer, der gerade auf dem Weg zu einer Eventmesse ist. Events locken Besucher, die immer mehr das Shopping-Erlebnis suchen. So denken Pfeffer und der BID etwa über einen Innenstadtstrand in der Fußgängerzone nach und bieten zusätzliche Öffnungszeiten an – wie zum Beispiel am diesjährigen Faschingsdienstag. Von Tina Fischbach-Nispel
 

Mittelzentrum

In den Mittelzentren ist die Lage nicht anders. Das zeigt ein Blick nach Gladenbach. Rainer Schmidt, Vorsitzender des dortigen Gewerbevereins, kennt die Problematik des veränderten Kaufverhaltens. „Der Gladenbach-Gutschein, der in allen Mitgliedsgeschäften einzulösen ist, hilft uns die Kaufkraft zu binden“, sagt er. Ebenso die zahlreichen Märkte und Aktionen der stark bemühten Gewerbetreibenden. Eines jedoch ist laut Schmidt feststellbar: „Die Leute sind bequem geworden. Das macht die Städte auf Dauer tot.“