Ein bisschen Druck muss sein

TSV Steinbach Haiger nimmt den Hessenpokal-Erfolg als Rückenwind mit in eine anstrengende Regionalliga-Runde / Glücksfall Christian März

Die Regionalliga-Mannschaft des TSV Steinbach Haiger für die Saison 2020/2021: hintere Reihe von links: Tino Bradara, Dennis Wegner, Kevin Lahn, Dino Bisanovic, Michael Schüler, Fabian Eisele, Christian März, Enis Bytyqi, Serhat Ilhan; dritte Reihe von links: Raphael Herrmann (Physiotherapeut), Ruben Sahm (Physiotherapeut), Dario Ernsten (Physiotherapeut), Moritz Göttel, Sascha Marquet, Sören Eismann, Sasa Strujic, Björn Franz (Zeugwart), John Schwehn (Zeugwart); zweite Reihe von links: Matthias Georg (Geschäftsführer), Sascha Rausch (Co-Trainer und Torwart-Trainer), Adrian Alipour (Cheftrainer), Benjamin Kirchhoff, Maurice Buckesfeld, David Haider Kamm Al-Azzawe, Hüsni Tahiri (Co-Trainer), Peter Nagel (Reha-Trainer), Jörg Engel (Sportlicher Leiter); erste Reihe von links: Philipp Hanke, Sascha Wenninger, Johannes Bender, Tim Paterok, Matay Birol, Raphael Koczor, Manuel Hoffmann, Gian Maria Olizzo, Florian Bichler. Foto: TSV Steinbach

3.09.2020

HAIGER. Matthias Georg ist inzwischen ein viel bereister Experte und Kenner der Szene. Deshalb hat das Wort des 33- Jährigen, wenn es um die Fußball-Regionalliga Südwest geht, einiges an Gewicht. „Wir werden einen Teufel tun und von der Meisterschaft sprechen. Elversberg und Ulm sind die klaren Titelfavoriten in dieser Saison“, stellt der Geschäftsführer des TSV Steinbach Haiger fest. „Aber wenn die da oben patzen sollten, dann wollen und werden wir da sein“, schiebt er im Brustton der Überzeugung nach.

Okay, das ist doch mal eine Ansage an die Konkurrenz. Nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber doch mit dem Pfund der eigenen Qualität wuchern und mit dem Selbstbewusstsein eines Vorjahreszweiten an den Start gehen – so lautet das Motto für die Mannschaft von Adrian Alipour. Auch der Trainer weiß ganz genau, dass es nach der Super-Saison des TSV, die im März aufgrund der ausbrechenden Corona-Pandemie jäh gestoppt wurde, eigentlich nur heißen kann: weiter nach oben streben. Doch der 41-Jährige sagt: „Um ganz sicher Meister zu werden, musst du jedes Spiel gewinnen. Es wäre jedoch absolut vermessen, so etwas vorherzusagen.“
  

Jede Partie mit einem Dreier zu beenden, ist in der neuen Runde ohnehin noch utopischer, weil die Südwest-Staffel der vierthöchsten deutschen Spielklasse mit sage und schreibe 22 Mannschaften startet (oder besser gestartet ist). Das bedeutet ein Mammutprogramm von 42 Begegnungen, zahlreiche Englische Wochen, höhere Belastung für die Spieler, exakte Trainingssteuerung – und das alles mit der Corona-Entwicklung im Hinterkopf. Von genauer Planbarkeit sind die Steinbacher Verantwortlichen und ihre Kollegen aus den anderen Vereinen weit entfernt. „Das ist wie in die berühmte Glaskugel zu schauen“, gibt Roland Kring zu bedenken. Doch als Hauptsponsor und Vorstandsmitglied in Personalunion beschäftigt ihn natürlich die Realität. „Wir beim TSV haben keinen Druck, das ist Fakt. Ein Ziel zu definieren, darf nicht zum Zwang werden. Aber ein bisschen Druck und eine gesunde Anspannung muss doch sein, um den nächsten Schritt zu gehen. Wir haben eine gefestigte Truppe beisammen“, so Kring. Der Blick auf den Kader des Vizemeisters verrät: „Wir sind in der Breite gut aufgestellt“, weiß Coach Alipour.


„Wir tun gut daran, das Wort Meister erstmal nicht in den Mund zu nehmen. Die Saison ist lange und anstrengend.“

Benjamin Kirchhoff, Kapitän des TSV Steinbach Haiger über das Saisonziel.



Zwar verließen vier Spieler und darunter mit Nico Herzig einer der Säulen der vergangenen Jahre den Haarwasen, doch diese Zahl an Abgängen ist für den TSV eher ungewöhnlich. „Wir haben die Mannschaft bewusst nahezu so belassen und uns absolut gezielt verstärkt“, berichtet Matthias Georg. Für den Angriff kamen Fabian Eisele (vom Regionalliga-Meister Saarbrücken) und Enis Bytyqi (VfB Oldenburg) in den nördlichen Lahn-Dill-Kreis, für die Innenverteidigung wurde Maurice Buckesfeld vom ASC Dortmund verpflichtet. „Und dann wollten und mussten wir noch was auf der Sechs holen. Da haben wir einen Spieler gesucht, der auf dem Feld den Lautsprecher machen kann“, freut sich der Geschäftsführer über den vierten Neuen: Christian März. „Er hat eine unheimliche Präsenz auf dem Feld und ist ein Glücksfall für uns“, beschreibt Kapitän Benjamin Kirchhoff seinen „Vertreter“. Mit dem er bereits den ersten Titel unter Dach und Fach hat. Der Gewinn des Hessenpokals ist ein erstes von einigen Etappenzielen, die Adrian Alipour sich und seinen Jungs immer wieder setzt. Der Auftritt auf der großen Fußball-Bühne, das DFB-Pokal-Duell am 13. September (15.30 Uhr) gegen Zweitligist SV Sandhausen, ist dann das „Goodie“, „bei dem wir uns und der Verein sich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren können“, sagt Kirchhoff.


„Aber wenn Ulm und Elversberg patzen sollten, dann wollen und werden wir da sein.“

Matthias Georg, TSV-Geschäftsführer



Der Kapitän bildet auch in der kommenden Regionalliga-Spielzeit das Herzstück der Abwehr, dahinter werden sich Tim Paterok und Raphael Koczor einen internen Kampf um den Stammtorhüter-Posten liefern. Im defensiven Mittelfeld spielen Sören Eismann und Johannes Bender die erste Geige. Dino Bisanovic, Kevin Lahn und Sascha Marquet wissen ebenfalls, wo es in der Regionalliga auf dem Weg zum Erfolg langgeht. Im Sturm machte neben den besagten Eisele und Bytyqi in den Testspielen vor allem Dennis Wegner mit Topleistungen auf sich aufmerksam.

Auf der Rechnung sollte man aber jeden der 25 Spieler im Aufgebot von Trainer Adrian Alipour haben, wenn es um die Frage geht: Wer macht im Vergleich mit dem Gegner den Unterschied aus? Sollten die Mannen vom Haarwasen von Verletzungen verschont bleiben – in der Vorbereitung war das (leider) nicht der Fall –, ist das schon die halbe Miete. Wenn es neben der ohnehin vorhandenen Defensivstärke und dem Chancen herausspielen (Alipour: „Herausragend“) auch noch mit dem Toreschießen (Alipour: „Bislang mangelhaft“) klappt, steht den Steinbachern eine erfolgreiche Runde ins Haus.

Wie viele Zuschauer bei den Heimspielen, beginnend am Samstag (14 Uhr) gegen den FC-Astoria Walldorf, über Treffer und Siege ihres Teams jubeln können und dürfen, wird die Corona-bedingte Zeit weisen. Und auch, ob sich der Zweitplatzierte der vergangenen in der neuen Runde verbessert. „Wir tun gut daran, das Wort Meister erstmal nicht in den Mund zu nehmen. Die Saison ist lange und anstrengend“, sagt Benjamin Kirchhoff. Wie sein Geschäftsführer ist auch der TSV-Kapitän ein Kenner der Szene.

Von Volkmar Schäfer